Provenienz-forschung

Im Kolonialismus gelangten menschliche Skelette aus aller Welt im Namen einer heute widerlegten Rassenforschung nach Basel. Das Naturhistorische Museum setzt sich kritisch mit dieser Geschichte auseinander, erforscht die Herkunft der Ancestral Remains und sucht den Dialog mit Nachfahr:innen.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert erforschten europäische Wissenschaftler:innen die menschliche Vielfalt und suchten nach Belegen für neue Evolutionstheorien zum Ursprung des Menschen, darunter auch für die damals verbreitete, heute widerlegte Rassenforschung. Diese Lehrmeinung ordnete Menschen anhand physischer Merkmale in eine wertende Hierarchie ein und stützte sich dabei auf Messungen vor allem an Schädeln. Die von den Forschenden verglichenen Skelette mit Herkünften aus allen Weltregionen, gelangten durch wissenschaftliche Expeditionen, private Reisende oder auch Kolonialbeamte und -militärs nach Europa – häufig unter problematischen Aneignungsumständen.

In Europa wurden die Skelette Teil von Museums- und Universitätssammlungen und gelangten auf einen regelrechten Markt nicht-europäischer menschlicher «Proben». Museen wie das damalige Basler Museum für Völkerkunde (heute Museum der Kulturen) betrieben anthropologische Forschung. Die damaligen Museumsangehörigen gruben, erwarben oder entwendeten in den Kolonien menschliche Skelette – heute als «Ancestral Remains» bezeichnet – oder erhielten solche als Schenkungen. In den Sammlungen wurden die Verstorbenen zu nummerierten Objekten, entpersonalisiert, zwischen Museen verschoben, teilweise ausgestellt und so ihrer Würde beraubt. Eine Zustimmung von Angehörigen oder Nachfahr:innen wurde nicht eingeholt.

Heute erkennt das NMB an, dass die Aufbewahrung menschlicher Skelette aus kolonialen Kontexten als fortdauernde Verletzung und als Missachtung kultureller und spiritueller Werte empfunden werden kann. Daher sieht sich das Museum moralisch verpflichtet, proaktiv mit Nachfahr:innen und Herkunftsgemeinschaften, Herkunftsländern, Museumsfachleuten und weiteren Interessengruppen zusammenzuarbeiten.

Grundlage dieses Engagements ist die systematische Aufarbeitung der entsprechenden Teile unserer anthropologischen Sammlung mittels Provenienzforschung (siehe Liste der Herkünfte). Dabei soll geklärt werden, wo, wann, von wem und unter welchen Umständen die einzelnen Ancestral Remains angeeignet wurden. Zusätzlich sind wir bestrebt, wenn möglich die Verstorbenen zu re-individualisieren. Dies ist dann möglich, wenn es gelingt, die Biografie zu rekonstruieren und soziale Beziehungen nachzuvollziehen.
Beide Aufgaben dienen möglichen Formen der Restitution und Wiedergutmachung. Da die Herkunft und die Aneignungsumstände häufig aber nur unzureichend dokumentiert sind, erfordert dies aufwändige historische Recherchen und kollaborative Forschung mit den Nachfahr:innen. Mit deren Einverständnis können zudem bioanthropologische Methoden zum Zuge kommen, die weitere wichtige Erkenntnisse liefern.

Kawésqar-Restitution

Das Naturhistorische Museum Basel arbeitet gemeinsam mit der Fundación Pueblo Kawésqar an der Restitution der menschlichen Skelette dreier indigener Individuen - für die Nachfahr:innen sind das Ahn:innen - nach Chile.

Die Ahn:innen gelangten zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Kontext der damaligen Rassenforschung und schweizer kolonialer Verflechtungen nach Basel. Heute betrachtet das Museum sie nicht als Sammlungsobjekte, sondern als Vorfahr:innen lebender Gemeinschaften. Die Rückgabe erfolgt in enger Zusammenarbeit mit Vertreter:innen der Kawésqar sowie chilenischer Behörden.

Dabei verbindet das Projekt Provenienzforschung und Dialog. Gemeinsam mit den Nachfahr:innen werden die Lebensgeschichten der drei Individuen sowie ihre Wege nach Basel rekonstruiert. Die Forschung erfolgt transparent und partnerschaftlich und berücksichtigt die Perspektiven der betroffenen Gemeinschaften.

Die Restitution versteht das Museum als Wahrnehmung historischen Verantwortung und trägt dazu bei, historisches Unrecht aufzuarbeiten.

Projektbeginn: 2024
Projektstatus: Physischer Transfer der Ahn:innen nach Chile in Vorbereitung
Ausblick: Die Kawésqar-Restitution ist Teil der langfristigen Aufarbeitung kolonialer Sammlungsbestände am Naturhistorischen Museum Basel. Provenienzforschung, Dialog und partnerschaftliche Zusammenarbeit bilden die Grundlage für einen verantwortungsvollen Umgang mit Ancestral Remains und für nachhaltige Beziehungen zu Nachfahr:innen- und Herkunftsgemeinschaften.

Ansprechpersonen
Francisco Javier González Alvarez, Presidente de la Fundación Pueblo Kawésqar
Raphael Schwere, Provenienzforschung und Rückgabekoordination, Naturhistorisches Museum Basel
Gerhard Hotz, Kurator Anthropologische Sammlung, Naturhistorisches Museum Basel

Forschungsprojekt «Going Home?»

Menschliche Überreste im Naturhistorischen Museum Basel und im Museum der Kulturen Basel

Im Naturhistorischen Museum Basel und im Museum der Kulturen werden mehr als 2'500 menschliche Überreste aufbewahrt, deren Herkunft ausserhalb Europas liegt. Diese wurden grösstenteils in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch unterschiedliche Forscher gesammelt und anschliessend dem Museum für Völkerkunde Basel (heutiges Museum der Kulturen) übergeben. Ein Teil dieser Sammlung ging 1971 in das Naturhistorische Museum Basel über, während ein kleinerer Teil im Museum der Kulturen verblieb. Dabei handelt es sich um menschliche Überreste, die modifiziert wurden und denen daher eine ethnologische Bedeutung zugesprochen wurde.

Die historische Verbindung zwischen den Sammlungen des Naturhistorische Museums Basel und dem Museum der Kulturen wird besonders bei 42 menschlichen Überresten und damit zusammenhängenden 47 Objekte aus Sri Lanka deutlich, die den Veddah zugeordnet werden. Diese wurden zwischen 1883 und 1936 zusammengetragen und dem Museum der Kulturen überlassen.

Finanzierung
Das Forschungsprojekt wurde mit Mitteln des Bundesamts für Kultur finanziert.
Laufzeit
März 2023 bis Februar 2024

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